Kurzhaarbrief
Juli 11, 2009
Frau in der Ferne,
die Du neben meinen schlaflosen Träumen aufwachst… Ich schreibe Dir, weil ich ihm nicht schreiben kann, dem Menschen, den wir beide lieben.
Es ist nicht der gleiche Mann, aber der selbe Mensch, die Form, die danach zerbrochen, oder viel zu oft wiederbenutzt wurde.
Seine Stimme hat aufgehört in meinem Leben zu singen, er hat sich in einer Vernunft eingekettet, die ihn zwingt ständig unter Wasser zu atmen. Dein Atem schweigt nachts in Erwartung, neben meinen Tränen, und kurz vor dem Ersticken zerfallen die Worte zu einem hilfesuchenden Griff.
Is duty a reason for living in a lie?
Die Liebe, mein Herz, ist das schmerzlichste Gut, das wir teilen. Wir wissen um sie und ihre Ausschliesslichkeit – deshalb verstehen wir nicht, wie wir so ausgeschlossen sein können.
Wir bestehen aus Warten, wie eine Flamme, die bei jedem kleinen Windzug erlöschen kann – und wissen, dass er sie einst auspusten wird, in einem unbedachten Moment, mit jener Nonchalance, die wir so an ihm schätzten.
Wir berühren ihn, und er uns bis auf die Knochen, bis tief unter die Knochenhaut. Alle anderen Berührungen fühlen sich falsch an, wie Stacheldraht, wie die Billigkugellampen aus dem Supermarkt, an denen ich mir so gerne die Finger verbrenne.
In Erinnerung träume ich jedes seiner Worte erneut, von Nacht zu Nacht.
Ich fürchte mich vor dem Schlafen – und vor dem Aufwachen ohne ihn noch mehr.
Noch schaue ich dem Spiegel beim Atmen zu, die Frau darin hat kurze Haare, in jenem Schmutzigrot, das nur hoffnungsloser Herbst mit sich bringt. Letztes Jahr um diese Zeit lernte ich fliegen. Wir schnitten uns die Haare, ritsch, die Schere war nichteinmal rostig, und flochten aus den Resten eine Rettungsleine.
Nur wissen wir nicht wen wir retten wollen.
Ihn, dich, mich, das Kind dessen Vater er hätte werden können, das Kind dessen Vater er ist, die verlorenen Träume oder die gestohlene Zeit.
Wir retteten eine Zeitung von gestern vor dem Ertrinken…
Im Sünden nichts neues.
Nun sitze ich auf erkalteten Erinnerungssteinen, neben mir ein Bier und die Zigaretten jener Marke, die ich nur rauche, weil er sie raucht.
Ich weiß nicht ob er es noch tut, und bin mir doch sicher das.
I know him inside out.
Wahre Liebe stirbt nie, heisst es so schön, doch wir wissen es besser. Sie stirbt nicht, aber man kann sie ermorden. sie oder sich selbst.
Ich backe Möwenkekse und warte auf Dich.
Ich weiß Du wirst hier vorbeikommen, auch wenn ich mir wünschte, dass es anders wäre.
Doch in jedem Geheimnis wohnt eine Lüge.
Erst wenn sie zerbricht, spürst du das Glas auf dem Du wandelst.
Weil Du Spuren hinterlässt.
Auch in mir.
Warte ich hier.
S.
Brief an die Herzensfrauen
April 11, 2009
Meine Lieben,
meine Worte verfolgen mich, als ich über die Maisfelder spaziere und euch mit rotgepunkteten Sonnenregenschirmen darin tanzen sehe, in der Erinnerung, auf einen Film gebannt, der selbst in schwarz-weiß nie verblassen kann.
Ich möchte sie aus der Mauer brechen, die das Schweigen um mich errichtet hat und Euch schreiben, wie ich es viel zu selten tue. Hinter dem farblosen Regenbogengrau, dass mich morgens auf dem Balkon erwartet, liegen seit Tagen zwischen der Kaffeetasse – der schönen weißen, die einsam im Schrank neben Euren beiden steht – und der halbleeren Schachtel Zigaretten – es sind immer noch die blauen (Schachteln – ihr wisst schon) – der Stift mit der blassen Tinte, und ein Stapel Papier. Jenes Papier aus alten Landkarten, dass wir auf unsrem letzten Flohmarktbesuch aus der Wühlkiste zogen.
Auch diese Wege sind verblasst. Meine Augen sind hungrig nach fliehenden Wellen, nach tannigen Sukkulenten und nach einem Lächeln von Euch.
Gestern ist mir die Sehnsucht wieder in meinen Träumen erschienen, tagsüber klappe ich sie ein wie das unnütze Blitzlichtäquivalent an meiner Spiegelreflexkamera, doch in Euren Augen sehe ich sie selbst im Morgengrauen.
Unsre Wege geben jenes knirschende Geräusch von sich wie ein platter Reifen, den man zu lange über Kopfsteinpflaster schieben muss, um doch nirgends anzukommen als dort, wo man schon so lange ist.
Ich habe Hunger, nach Rabenfedern und Fremdhaut an meiner. Mir ist schlecht von dem Schweigen, dass sich wie Haargewölle in meiner Kehle zusammenballt, während ich Euch lese.
Wir sind leise geworden, selbst unser Schmerz streichelt zärtlich über die Buchrücken, die wir gebrochen haben, während unser Rückrat sich ein Korsett bastelte.
Die Angst ist zu still.
Und doch ruft die Kraft uns auf eine Reise, von deren Schritten ich Euch wieder schreiben werde.
Immer wieder.
Mit Blut an den Augenwinkeln und Tinte unter den Fingernägeln, die kurzgebissen sind, mit strubbelig geschnittenen Haaren und einer Kälte, die sich zwischen Narben und Knochen verfestigt hat.
Es muss Krankheiten geben, an denen wir unheilbar erkrankt sind.
Leben ist nur eine davon.
Ich verbleibe, untrennbar wie nichts auf dieser Welt.
Die Eure
Staubbriefe
März 15, 2009
Mein Herz,
und wieder einmal haben sie lange geschwiegen, die Worte zwischen uns. Ich habe das Schweigen auf der Zunge geschmeckt, wie jenen schweren Rotwein, den er Dir immer mitbrachte – von jenen Geschäftsreisen, deren Geschäfte nur einen Lohn hatten.
Liebe. Hintergründige, Gründliche. Tötliche.
Ich habe sie an die Wand gemalt, mit schwachen Fingern und mich gegen die Einsamkeit gelegt wie gegen eine Welle, die niemals bricht. In meinem Rücken lagen die Fliegen, wie kleine Leichen, deren Atem gegen die Fenstergitter schlug.
Mein Herz daneben, und Deine Hand nicht im Rücken.
Ich suche Dich in dem Staub, den die Erinnerung ebenso aufwirbelt wie die Veränderung. Ich suche Dich auf der Couch, die ich uns endlich gekauft habe. Ich male Spinnweben auf Spiegel, während ich mit tropfendem Haar durch die Sonne tanze.
Während eine andere Stimme mir am Telefon von Liebe und irischen Nebeln erzählt, erwacht in mir immer wieder dein Traum. Wir bauten einen Golem, ein Wörterschloß, eine Nähe.
Nähe, die sich unter die Haut schmiegte, während seine Hände dich berührten. Schutznester für Nachtigallen, die ihre Stimme verloren.
In unsrer Evolution blieben die Ratten bei mir, und die Schmetterlinge auf Deinen Augen kleben.
Zwischen beiden Umarmungen suche ich Dich.
In meinen Worten aus Staub, den die Erinnerung an Deine Träume hinterlassen, dem Geschmack nach Kirschblüten und dem Warten auf seinen Anruf.
Das langsame Sterben kann ich nicht betrachten, selbst das Erahnen tötet mich. Täglich.
Mein Glasgefängnis ist zu zerbrechlich für deine Ketten…doch in all dieser Liebe liegt verborgen das muss.
Ich presse Staub zu Stein und baue mir eine Mauer, ein Haus, eine Hecke…einen Pool, ein Grab.
Und vergesse, dass es Euch niemals gab.
Zweifingersätze
Februar 11, 2009
Mensch in der Ferne,
wenn dich dieser Brief erreicht, werde ich dem Wahnsinn ein Stück weiter anheimgefallen sein. Das mag nichts neues für Dich sein, die Manifestation ist jedoch nun auch bald für andere sichtbar.
Die letzten Wochen waren hart, die Worte haben sich in meinen Fingern festgesetzt, entzündlich, verflammt, tief.
Ich streiche Salbe aus frischem Froschleich darauf und telefoniere täglich mit meinem Arzt wegen einer Amputation. Noch versucht er mich zu behandeln – bald wird er – wie auch du vor Beginn deiner Reise – begreifen, dass ich unheilbar bin.
In allem was ich tue.
In meiner Liebe zu den Worten, meiner Verbundenheit zu Dir, meiner Sehnsucht, meinem Hass.
Es ist ermüdend mit zwei Fingern zu schreiben, es eignet sich nicht für Märchen, Träume, nicht einmal für einen wissenschaftlichen oder kulturästhetischen Aufsatz – oder Erguß, wie du es sicherlich nennen würdest.
Für dich sicherlich eine Erleichterung, nur ein Brief, kein Roman, der sich in allen Einzelheiten um jede Kleinigkeit rankt und Dich mit meinen Gedanken in Berührung bringt.
Ich schreibe Dir nun nichts von dem Schmerz, selbst er ist eindimensional geworden, da ich ihn nicht ausdrücken kann. Ich lerne Orangen schälen mit einer Hand, ich vertage das Augenauskratzen auf später und meine Karriere als massenmordene Puppenmutter habe ich auch für eine Zeit zum Staubsauger in den Schrank gestellt.
Es ist ein stillere Leben, ein amputiertes.
Selbst der Wahnsinn schmeckt nicht mehr wie früher, kein frisches Gras an Cranberrysosse, kein Abgrund mit Flügeln aus Papageienfedern. Ich begrabe selbst die Mottenleichen, die um mich herumfallen nicht mehr in kleinen blauen Holzsärgen, ich verschenke keine Puppenaugen mehr.
Ich bin stillständig geworden. Nur meine Gedanken verankern sich weiter und weiter, von den Worten in die Knochen.
Es wird Zeit dass Du heimkehrst, bunte Bilder auf meine Haut sprichst, mir von deinen Frauen erzählst…
Ich werde dir nicht antworten können, weil meine Hände keine Zeichen mehr übrig haben.
Ich verstumme.
Vielleicht fühlst Du Dich dann erhört.
Zum Küssen brauche ich keine Hände, zum Lesen brauchst Du keine Handzeichen…
ich verbleibe in der Nähe
Deine Schweigende